Für junge Leute ist Vergangenheit eben Vergangenheit!“ Dieser erschreckende Satz fiel in diesem Jahr. Aus dem Munde eines 17jähri­gen, obwohl dieser eigentlich ein eher sehr gut gebildeter Repräsentant des „interessierten Deutschlands“ ist. Top erzogen, kein Egoist, kurz vor dem Abitur. Oha!

Nicht nur 75 Jahre nach Kriegsende, sondern auch 30 Jahre nach dem Weg in die Freiheit für so viele – oha. Und wie sagte es Udo Lindenberg in seiner manchmal schnoddrigen, aber immer auch so emphatischen Art: „Überrasch´´ mich!“ Deutschlands vielleicht wichtigster Musiker unserer Zeit ist eines der großen „Gelebten Vorbilder“ von Stephan Kaußen. Und der nahm den „persönlichen Auftrag“ tatsächlich ernst. „Ich bin nach Jahren des Bü­cherschreibens auf die Idee gekommen, historische Zusammenhänge einmal in anderen Darstellungsformen zu präsentieren.“

Stephan Kaußen ist in Eilendorf aufgewachsen und hat in Aachen studiert und ist mit seiner Heimat bis heute eng verbunden. Sportlich ist er dem SV Eilendorf und dem Tennis Club Eilendorf treu geblieben und neben Sport und Freundschaften führen ihn regelmäßige Besuche seiner Familie in unseren Stadtteil. Dr. Stephan Kaußen, jetzt auch „Doctor Retro“, ist von Hause aus promovierter Politikwissenschaftler und Historiker, Autor einiger gesell-schaftsana­lytischer Bücher und Spezialist für Nelson Mandela.

Deutschlandweit vor allem aber als Journalist bekannt, ob nun als Experte für globale Themen bei phoenix, in der ARD und bei ntv, oder einem wohl noch größeren Publikum auch als Radio- und TV-Reporter in der Fußball-Bundesliga und Champions League. Nun hat der seit November 50jährige nicht nur sich selbst überrascht: Neben einem gut 50minütigen Vortrag zu „30 Jahre Mauerfall“ finden sich auf seiner neuen CD vier Songs, eingesungen und zum Teil eher einge­sprochen von Kaußen selbst. Mal im Stile von Nina Hagen, mal ange­lehnt an den tiefen Sprechgesang von Leonard Cohen. „Anfangs hatte ich gar nicht vor, selbst ganz vorne zu stehen und zu singen. Eher nur zu texten. Vielleicht für Lindenberg oder Campino. Aber wir müssen das Ding jetzt rausbringen. Und wenn man nichts riskiert, kann man auch nicht viel erreichen.“

Permanente Horizonterweiterung ist sein Ding – und das seit, eben, ge­nau 30 Jahren. „Der wichtigste Tag in meinem Leben war der 9. Novem­ber 1989“ beginnt Kaußen seinen Vortrag. Damals noch nicht einmal Student, sondern bei der Bundeswehr. „Wir wussten ja in dieser welt­historischen Nacht nicht, ob es am nächsten Tag Krieg geben würde?!“ Was für junge Menschen heute kaum mehr vorstellbar scheint, war da­mals konkrete Realität: „Hätte Gorbatschow die chinesische Lösung ge­gen die Proteste und den Ruf nach Freiheit gewählt, hätte es geknallt. Nicht nur in Berlin.“

Zum Glück tat der Geburtshelfer der Deutschen Einheit das Gegen­teil. Und Stephan Kaußen übersetzt diesen Kristallisationspunkt der Ge­schichte nun in Musik: „Statt der Tian‘anmen-Alternative, gab‘s ‘ne Ko­operations-Direktive. Aus Perestroika und Glasnost, wuchs ‘ne Brücke zwischen West und Ost. Danke Gorbi! Danke Gorbi, für Deinen Mut, die Freiheit zu riskier´n!“, heißt es in Song drei auf der EP, die der „singende Historiker“ Kaußen mit Erich Schachtner produzierte. Manchmal pop­pig und rockig modern, manchmal eher theatralisch als „Zwi­schen­mu­sik zwischen U und E“, eher im Stile von Bert Brecht und Kurt Weill. Erich Schachtner ist dabei das musikalische Mastermind. Komponist, Arrangeur, Gitarrist, Pianist und Produzent. Mit dem Profimusiker verbindet den Ideengeber eine kurze, aber intensive Schaffensphase: „Damals habe ich spontan einen Song­text über die Trumpsche Mentalitäts-Krise in den USA geschrieben und Erich hat gefragt, ob er damit arbeiten könne.“ Gefragt getan, heraus­gekommen ist damit Song vier der EP…

Erich Schachtner ist im Gegensatz zu Kaußen kein Unbekannter in der Musikwelt, sondern Mitbegründer von Supertramp und weltweit etablierter Song­writer und Texter. Und nun kam im Januar der Zirkelschluss: Stephan Kaußen wollte unbedingt einen Song zum Thema „30 Jahre Freiheit für Nelson Mandela“ machen. Weil es am 11. Februar genau dieses neuerliche Jubiläum gab. Palmer-James und Kaußen schrieben also ge­meinsam den Text für Song zwei: „Madiba Magic“. Madiba ist der Kosename für Nelson Mandela und beschreibt dessen wunderbare Fähigkeit, Brücken zwischen ehemaligen Feinden zu bau­en. Wie in Südafrika zwischen weißen Rassisten und unterdrückten Schwarzen.

„Das sind alles keine Zufälle, sondern Zusammenhänge“, betont Kaußen, der zum Ende der Apartheid und dem Thema Transformation promo­vierte. Und den revolutionären weißen südafrikanischen Ex-Präsidenten De Klerk in seinen Büchern den „Gorbatschow Südafrikas“ nennt. Transformation bedeutet Übergang. Übergang von etwas Altem zu et­was Neuem. Und genau wie in der ehemaligen DDR 1989/90 auch in Südafrika von einem autoritären System hin zu einem demokratischen. Ob es auch die umgekehrten Wege gibt?

Kaußen beschreibt die Übergänge nun eben nicht in einem weiteren Buch, sondern auf dieser Dop­pel-CD. Bei der besteht Teil 1 aus den vier Songs, Teil 2 aus einem pa­ckenden Vortrag zu den Entwicklungen von Mauerfall bis AfD. Bis AfD? Ja. Nochmals: Oha! Ein großes Aha wird wohl auch das Artwork hervorrufen, das von Ralf Metzenmacher stammt. Der ehemalige Chef-Designer von PUMA und Erfinder der Retro Art ist freischaffender Maler und arbeitet schon seit über 10 Jahren intensiv mit Kaußen zusammen. Metzenmacher: „Dafür gebe ich meinen selbstkreierten Titel „Dr. Retro“ gerne an meinen Komplizen weiter“. Als der Südafrika-Spezialist seine Biographie zu 100 Jahre Nelson Mandela veröffentlichte, bat er Metzenmacher um künstlerische Mithil­fe. Er bat ihn, ihm bis zu Mandelas Geburtstag Portraits zu malen. Nelson Mandela als nach­denklicher Vater der „Regenbogennation“, wie man Südafrika wegen der besonders bunten Gesellschaft und Mandelas verbindendem Hu­manismus auch nennt.

Der nächste Schritt ist nun also diese Doppel-CD, deren Cover vier Werke von Ralf Metzenmacher zeigt: Natürlich den „Rainbow Mande­la“, einen ebenso nachdenklichen Michael Gorbatschow sowie Martin Luther King, als den wichtigsten Repräsentanten des schwarzen Ame­rika. Als viertes Porträt prangt nun zu dessen wirklicher Überraschung ein nachdenklicher Kaußen selbst auf dem Cover. „Ich habe Stephan zu seinem 50. in Öl gemalt, ohne dass er es wusste. Weil er als Professor an den Hochschulen, als Brückenbauer zur Jugend, als Altruist und Kul­turförderer, als Autor und wahrer Universalist seit Jahren so viel wie er nur kann unternimmt und finanziert, damit Geschichte greifbar wird und bleibt,“ begründet Metzenmacher. „Und diese CD ist ein weiterer Versuch, am allgemeinen Bewusstsein zu arbeiten, dass Ver­gangenheit eben nicht nur Vergangenheit ist!“

Tatsächlich beginnt diese CD dann auch mit einem Weckruf: „Achtung, Achtung, es droht der Rückschritt“, schreit einen Stephan Kaußen durch ein Megaphon regelrecht an. Bevor Erich Schachtners Gitarre zu „30 Jahre Freiheit“ einsetzt. Bedrohlich. Nicht jubilierend. Eben kein Jubiläum feiernd. Eher Aufsehen erregend. Wachrüttelnd. Wie forderte es doch der große Udo Lindenberg: „Überrasch‘ mich!“

Fotos: Ralf Metzenmacher